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Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Forschungszentrum Stimme & Emotion
Research Centre Speech & Emotion

     
 

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Aktuelle Projekte des Forschungszentrums "Stimme & Emotion"



Synchronsprecher, Prof. Dr. Christian Kärnbach und Christopher Glaubitz

Das Projekt Synchronsprecher beschäftigt sich mit der Frage, ob die Stimme einer Person als Erinnerungsanker beim visuellen Wiedererkennen eines Menschen dient. Als Studienobjekte bieten sich hierfür Schauspieler an, da diese zum einen einer breiten Öffentlichkeit bekannt sind und zum anderen durch Synchronsprecher mehrere Stimmen auf sich vereinigen bzw. sich die Stimme eines Synchronsprechers teilen können. In der ertsen Studie wurde untersucht, ob Schauspieler, die sich einen Synchronsprecher teilen, häufiger miteinander verwechselt werden als Schauspieler, die exklusiv einen Synchronsprecher besitzen.

Die Ergebnisse dieser ersten Untersuchung stützen die Vermutung, dass die Schauspieler mit identischem Synchronsprecher überzufällig häufig miteinander verwechselt werden.

Eine zweite Online-Studie, die in Deutschland und Schweden durchgeführt werden soll, soll dieses Ergebnis nun replizieren und desweiteren Daten für den Ausschluss von Alternativerklärungen liefern, wie physische Ähnlichkeit oder unterschiedliche Bekanntheitsgrade der Schauspieler. Darüber hinaus wird eine Parallelstudie mit Laiendarstellern durchfegührt, bei der das eigens dafür erhobene Film- und Tonmaterial besser kontrolliert werden kann (der Grad der Bekanntheit ist durch Laienschauspieler gleichermaßen niedrig/bzw gleich Null und somit als Faktor ebenfalls kontrolliert). In diesem Zusammenhang sollen auch unterschiedliche Emotionen und Emotionsgrade in Bild und Ton erhoben werden. Die Laienschauspieler werden ebenfalls synchronisiert, wobei sich einige Laiendarsteller eine Synchronstimme teilen und andere nicht. Vor dem eigentlichen Experiment müssen die Versuchspersonen die Assoziationen von Stimme und Darsteller erst lernen. Auf diese Weise kann die Studie, zusätzlich zu den anderen, die ohne auditive Stimuli auskommen, klären, ob der Grad der Emotionalität in der Lernsituation sich positiv oder negativ auf die Assoziation und somit auf die Verwechslung von (Syhcron-)Stimme und Darsteller auswirkt.

Interkulturelle Emotionsperzeption, PD, Dr. Hartmut Pfitzinger und Jessica Bösel

Im Rahmen des Untersuchungszweigs Interkulturelle Emotionsperzeption wurde im SoSe 2010 und im WiSe 2010/2011 kontrastiv die Wahrnehmung von Emotionen in gesprochener Sprache untersucht. Zentrale Frage dabei war, ob Emotionen in der Sprache von Mitgliedern unterschiedlicher Kultur- und Sprachräume gleich wahrgenommen werden und ob ein Transfer des emotionalen Gehalts über Kulturgrenzen hinweg möglich ist. Hierfür wurden zwei spontansprachliche, emotional gefärbte Sprachkorpora benutzt: Ein hebräisches und ein deutsches Korpus.

Da die hebräische Datenbank neben den eigentlichen Sprachdaten auch Bewertungen der Daten durch hebräische Hörer enthält, wurde ein Perzeptionstest mit deutschen Hörern bzgl. der emotionalen Gehalts der Stimuli im Korpus durchgeführt. Anschließend wurden beide Bewertungen gegenübergestellt. Die größte Übereinstimmung fand sich hierbei auf der Aktivitätsskala, wohingegen die anderen beiden Emotionsdimensionen interkulturell unterschiedlich bewertet wurden. In einem anschließenden Vergleich akustischer Parameter vor dem Hintergrund der Hörerurteile aus beiden Kulturgruppen zeigte sich, dass beide Kulturen die Aktivität der Sprecherinnen des hebräischen Korpus an der erhöhten Sprechgeschwindigkeit und Tonhöhe festmachten.

Die deutsche Sprachdatenbank wurde im weiteren Verlauf des Projekts erhoben, indem auf einer sog. LAN-Party die Unterhaltungen von sechs Teilnehmern aufgenommen wurden. Durch diesen neuen methodischen Weg konnten authentische Emotionen erfasst und eine bewusste Aufnahmesituation vermieden werden. Die Daten wurden anschließend in einem Perzeptionstest von deutschen Hörern bewertet. Bei der abschließenden Auswertung im Vergleich zu den Urteilen der hebräischen Stimuli konnte festgestellt werden, dass bei der Bewertung einer sprachlichen Äußerung in einer unbekannten Fremdsprache nur der emotionale Gehalt auf Basis der Akustik bewertet wird, dass jedoch auch der Inhalt des Gesagten einen Teil des emotionalen Gehalts trägt, der sich entsprechend nur in der Bewertung Stimuli der eigenen Sprache niderschlägt.

Lexikalisch intensivierende Emphase im Deutschen, Prof. Dr. Oliver Niebuhr, Rabea Landgraf

Da Emphase bislang in allen Sprachen wenig erforscht wurde und es nicht klar ist, inwieweit Emphase formal und funktional anders als Emotionen ist, wird Emphase zunächst im Deutschen und im weiteren Forschungsverlauf in anderen Sprachen untersucht werden.

Beim ersten Experiment wird die Produktion positiver und negativer, lexikalisch-intensivierender Emphase im Deutschen untersucht. Hierfür wurde ein gesonderter Sprachdatenkorpus erstellt. Die Sprachaufnahmen basierten auf verschrifteten Dialogtexten zu alltäglichen Themen. Innerhalb der Dialoge wurden semantisch-pragmatische Kontexte geschaffen, mit deren Hilfe die jeweiligen positiven und negativen Emphasen auf ausgewählten Zielwörtern elizitiert werden sollten, ohne den Probanden metalinguistische, funktionale oder exemplarische Instruktionen zu geben. Die Zielwörter wurden multiparametrisch phonetisch analysiert, und die Ergebnisse dieser Analysen wurden im Rahmen von multivariaten Varianzanalysen und Diskriminanzanalysen prüfstatistisch ausgewertet. Hierbei haben sich deutlich unterschiedliche phonetische Profile für die Zielwörter in den Kontexten für positive und negative Emphase herauskristallisiert.

Das zweite Experiment wurde auf Basis des semantischen Differentials durchgeführt. Für dieses Experiment wurden folgende Äußerungen als Grundlage gewählt worden:

  1. Wie bedauerlich
  2. Ist ja wunderbar
  3. Peter Bergemann

Bezüglich der lexikalischen Semantik ist Äußerung 1 negativ, Äußerung 2 positiv und Äußerung 3 neutral. In der Vorbereitung des Wahrnehmungsexperiments sind Aufnahmen aller drei Äußerung gemacht worden. Die Äußerung wurden von jeweils einem männlichen und einem weiblichen Sprecher mit neutraler Akzentuierung sowie mit negativer und positiver Emphase produziert. Diese neun in der Vorbereitung produzierten Stimuli wurden mit zehn Skalen kombiniert und anschließend 25 Probanden vorgeführt. Bei der Auswertung des Experiments konnte ein semantisches Profil der positiven und negativen Emphase herausgearbeitet werden, das mit den Annahmen aus der Produktionsstudie konform geht. Inzwischen konnte in einem Zusatzexperiment mit einem innovativen Ironieurteile-Paradigma herausgefunden werden, dass die multiparametrischen Profile positiver und negativer lexikalisch intensivierender Emphase als Gestalten angesehen werden können. Das heißt, einzelne Parametereigenschaften triggern noch nicht positive oder negative Emphase. Es ist ein Verbund aller Parametereigenschaften notwendig, der nicht dekomponiert werden kann.

Weitere Experimentreihen untersuchen derzeit die Funktionen sowie die phonetischen Manifestationen von reduplizierender Emphase im Deutschen. Hierzu zählen unter anderem lexikalische Reduplikationen wie "sehr, sehr", "ganz, ganz", "viel, viel" oder "los, los", "schnell, schnell"; aber auch Akzentketten, wie sie oft im Falle von "NICHT MIT MIR", "OH-NE MICH" etc. auftreten sind Fälle von Reduplikation. Funktional vermuten wir, dass die lexikalischen Reduplikationen, ähnlich wie kontrastiver/enger Fokus, eine Korrektur ausdrücken kann bzw. den Hörer bzgl. eines Standpunktes des Sprechers überzeugen soll. Akzentketten sind diskursorientiert und haben eine "Basta"-Bedeutung, die der des frühen Gipfels des Deutschen ähnelt, jedoch stärker ist. Formbezogene, akustische Analysen werden derzeit durchgeführt.

Stimmqualitätsveränderungen im Wangka, Prof. Dr. Oliver Niebuhr

Wangka ist eine Varietät des Riung, einer bedrohten Sprache, die von etwa 14.000 Sprecherinnen und Sprechern in Ostindonesien (Nusa Tenggara) gesprochen wird. Eine besondere Eigenschaft dieser Sprache besteht darin, dass sie - laut den wenigen deskriptiven Untersuchungen, die uns vorliegen - behauchte und geknarrte Stimme über Vokale und Sonoranten phonologisch distinktiv zur Wortunterscheidung einsetzt. Die geplante Studie zielt darauf ab, dieses Postulat anhand von neu und sytstematisch gesammelten Sprachmaterials zu überprüfen und darauf aufbauend zu untersuchen, wie diese Stimmqualitätsoppositionen - sollten sie existieren - mit den Stimmqualitätsveränderungen als prosodische Grenz- und Phrasierungssignale interagieren, die in Kiel für das Deutsche, aber auch für Dänische und Französische lange Zeit erforscht wurden. Die Studie wird in Kooperation mit Christopher Schmidt und Prof. Dr. Masayoshi Shibatani (Rice University, Houston, USA) durchgeführt.

Rekonstruktion verschliffener Wörter im emotionalen Kontext, Prof. Dr. Oliver Niebuhr

Erste Studien durch Prof. Dr. Oliver Niebuhr haben vor Kurzem zeigen können, dass Identifikation und Rekonstruktion selbst hochgradig verschliffener Wörter wie eigentlich in spontaner Sprache prinzipiell direkt signalbasiert und somit kontextfrei ablaufen können. Dennoch spielt der Kontext in der alltäglichen Kommunikation natürlich ebenfalls eine Rolle. Einflüsse des syntaktischen und semantischen Kontexts sind inzwischen mehrfach demonstriert worden, zur Rolle des emotionalen Kontexts ist hingegen wenig bekannt. Die Sprechgeschwindigkeit ist eine der zentralen pho-netischen Variablen im Ausdruck von Emotionen, und die geplante Studie soll anhand von ambigen Formen, die entweder als hochgradig reduzierte Wortsequenzen oder als einzelne volle Wortformen interpretiert werden können (z.B. Wismar: Stadt oder Willst du mal), untersuchen, ob und inwieweit der durch Emotion variierte Sprechgeschwindigkeitskontext die eine oder die andere Interpretation der jeweiligen ambigen Form triggert. Die Studie wird in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Laura Dilley (Michigan State University, USA) durchgeführt werden.



Korpus emotionaler Sprache, KASPAR, PD Dr. Pfitzinger, Prof. Dr. Kaernbach

Das Ziel dieses Projektes ist es, ein Korpus emotionaler Spracher zu erstellen. Darüber hinaus soll diese Datenbank neben den eigentlich Sprachaufnahmen auch subjektive Urteile von Hörern enthalten. Zusätzlich zu den Sprach- und Urteilsdaten werden physiologische Daten der Hörer erhoben, um die emotionale Wirkung des Stimmkorpus zu überprüfen. Diese Daten werden ebenfalls in das Korpus eingebunden. Eine wichtige Säule des Projektes ist, Schauspieler und Laien Sätze mit emotionalem Ausdruck vortragen zu lassen und sie dabei durch multi-modale Reizanordnungen/-kontexte zu unterstützen. Zusätzlich soll in weiterführenden Analysen geprüft werden, ob sich die Basisemotionen Furcht, Wut, Ekel, Freude Überraschung und Trauer anhand von phonetischer bzw. psychoakustischer Parameter in den Aufzeichnungen erkennen lassen. Dieses wäre ein großer Vorsprung für das Feld des "affective computing".
Die derzeitigen Analysen, die nocht nicht abgeschlossen sind, zeigen schon jetzt, dass eine Datenbank mit sehr spezifischen Ausdrucksvarianten vorliegt, die spezifische Reaktionen beim Hörer auslösen kann. Dieses Projekt bietet selbst Ansätze für Promotionsthemen, stellt darüber hinaus aber auch einen methodischen Grundstein für viele weitere Projekte des Forschungszentrums dar.





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Letzte Aktualisierung / last updated: 06.03.2011
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